Jil Sander – Frühjahr/Sommer 2015

Diffuses Debüt: Designer Rodolfo Paglialunga versucht sich am einzigartigen Stil von Jil Sander. Seine Arbeit davor bei Vionnet war erfolgreich mit einer übermodischen Handschrift. Doch beherrscht Rodolfo Paglialunga auch die einfache Strenge der „Queen of Less“?

Noch vor der Schau lässt der Designer die „Verschmelzung der Geschlechter“ verkünden und so konnten sich die Besucher vergewissern, dass sie auch tatsächlich bei Jil Sander sind. Oder wie Tim Blanks von Style.com entsetzt feststellt: „Show-note hell strikes again.“ Rodolfo Paglialunga präsentiert einen Uniform-Mix aus Schulmädchen und Pfadfindern: Shirts werden unter feinen Pullovern und Pullundern getragen. Röcke und Culottes sind mit Gürteln tief um die Hüften geschnallt. In Sandalen und Sandaletten stecken hohe Lederstrümpfe (eine Reminiszenz an seine Zeit bei Prada). Oversize-Sweater und voluminöse Blusen mit geschnürten Bündchen sorgen für Maskulinität. Poloshirts und Blousons bilden sportive Elemente. Rodolfo Paglialunga hat sich bemüht um die DNA von Jil Sander und sie mit einem eigenen Touch versehen. Doch die Kollektion wirkt sehr gewollt. Anders hätte sie die Labelgründerin gedacht. Die Mode ist in ihrer Schlichtheit zu überladen. Das zeigt sich im vielen Layering, die Oberteile wirken dadurch aufgebauscht, die Ärmel werden zusätzlich bis über die Ellbogen gekrempelt. Dazu kommen stets Gürtel und Socken aus Leder. Zu schwer für die Leichtigkeit einer Jil Sander.

Das Publikum war begeistert – tosender Applaus für ihren „local hero“, wie ihn Tim Blanks betitelt. Mailänder Modeinstanzen loben die Kollektion in höchsten Tönen. Nach zehn Jahren an der Seite von Miuccia Prada kennt und mag man sich. Doch auch Suzy Menkes erfreut sich an einer verständlichen Mode, die der von Jil Sander selbst gerecht werde. Modepilotin Barbara Markert ist ganz verliebt in die neue Kollektion und die TextilWirtschaft feiert sie als „eines der absoluten Highlights der Mailänder Schauenwoche.

Ich möchte nicht zu hart ins Gericht gehen mit dem Neuen bei Jil Sander. Sein Todesurteil spricht ohnehin Tim Blanks auf Style.com. Rodolfo Paglialunga zeigt gute, frische Ansätze für Jil Sander. Doch das schaffte schon die letzte Kollektion, entworfen vom Designteam nach dem Weggang der Labelgründerin. Während die Ideen damals oft nicht ausgereift waren, sind sie unter Paglialunga zu viel des Guten. Geben wir ihm noch etwas Zeit. Bei jedem Label mit einem komplett neuen Designer sei es die zweite und dritte Kollektion, die von sich reden mache, wie die britische Vogue beteuert. Dann auch positiv, bleibt zu hoffen. „The only way is up.“